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Versöhnung mit dem jüdischen Volk

Wenn wir uns als Christen an der Seite Israels sehen wollen, können wir in Wahrheit diesen Platz nur dann ausfüllen, wenn in unserem Herzen echte Versöhnung mit dem Volk der Juden geschehen ist. Wir leben ja grundsätzlich in einer Geschichte von Schuld, die die Christenheit den Juden gegenüber auf sich geladen hat. Diese Schuldgeschichte reicht viele Jahrhunderte zurück und hatte ihren letzten Höhepunkt im Holocaust, als die Christen weitgehend versagten und stumm blieben. Auch in unserer Gegenwart ist ein antisemitischer und antiisraelischer Geist unter vielen Christen noch keineswegs ausgerottet.

Wir brauchen als Christen den Juden gegenüber ein versöhntes Herz. Dies können wir aber nur dann empfangen, wenn wir zuerst unsere Schuld erkennen, uns ihr stellen und davon durch die Gnade Gottes befreit werden.

Um Schuld wirklich erkennen zu können, müssen wir uns der Frage stellen: Sehen wir das Volk Israel wirklich aus der Perspektive Gottes, wie sie uns in der Bibel entfaltet wird? Wo immer unsere Haltung Israel gegenüber Gottes Sichtweise widerspricht, ist es Schuld.

Gott möchte, dass wir sein Volk Israel lieben, dass wir es segnen und treu an seiner Seite stehen. Gott möchte, dass auch wir ernst nehmen, was er seinem Volk für die Zukunft versprochen hat. Er möchte, dass wir erkennen, wo immer das jüdische Volk von Christen abgelehnt, verfolgt, ja im Namen des Kreuzes getötet und geistlich enterbt wurde und wo wir uns als Christen an die Stelle des auserwählten Volkes gesetzt haben.

Dabei müssen wir sehen, dass Schuld immer Folgen hat, die auch auf die nächsten Generationen negativen Einfluss haben. Gerade der Geist des Antisemitismus ist wie ein „Gift“, das eine Generation nach der anderen vergiftet, solange seine Wirkung nicht gebrochen wird.

Wenn wir als einzelne Christen Reste eines antisemitischen „Geistes“, der vielleicht von unseren Vorfahren auf uns übergegangen ist, entdecken, brauchen wir Befreiung. Wenn wir durch falsche, unbiblische Lehren über Israel oder durch negative Vorurteile beeinflusst sind, braucht es Buße und Vergebung.
Das ist nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf kollektiver Ebene notwendig.

Da aus der Perspektive Gottes auch ein Kollektiv wie eine Familie, eine Stadt, ein Land, die Kirche usw. vor ihm schuldig werden kann, sind wir auch herausgefordert, kollektiv Schuld zu erkennen und zu bekennen, wie wir aus vielen Beispielen in der Bibel erkennen können.

Gott sucht aus jedem schuldig gewordenen Kollektiv jeweils Einzelne (oder eine repräsentative Gruppe), die bereit ist, sich mit der kollektiven Schuld zu identifizieren und diese vor Gott zu bekenne - wie das etwa Daniel oder Nehemia in der Bibel getan haben.

Genau so wurden wir als christliche Gemeinde in Wiener Neustadt im Zusammenhang mit der Schuld an den Juden geführt.
Es begann damit, dass Gott uns zu der Erkenntnis führte, dass das Verhalten eines Landes oder auch einer Stadt den Juden gegenüber einen unmittelbaren Einfluss auf das Verhalten Gottes dem Land oder der Stadt gegenüber hat. Wenn Gott zu Abraham (und seinen Nachkommen) sagte: „Ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den will ich verfluchen“, dann ist das auch heute noch gültige Wahrheit mit entsprechenden Auswirkungen.

Gott überführte uns von der tiefen Schuld, die wir als Christen auch in unserer Stadt den Juden gegenüber auf uns geladen hatten und die im Holocaust besonders sichtbar wurde.
So taten wir als Leiter unserer Gemeinde auf dem Boden unserer Stadt vor Gott Buße, indem wir uns mit der Schuld unserer Vorfahren identifizierten und diese vor Gott bekannten. Doch Gottes Geist drängte uns mit Nachdruck, es nicht auf diesem Bekenntnis, das ja „nur“ vor Gott ausgesprochen war, beruhen zu lassen. Er gab uns eine klare Erkenntnis darüber, was er nun als weiteren Schritt von uns wollte:

Wir sollten alles daran setzen, ehemalige jüdische Bürger von Wiener Neustadt, die vor dem Krieg geboren waren und den Holocaust überlebt hatten, in der ganzen Welt zu suchen, wo immer sie heute leben. Mit ihnen sollten wir in Kontakt treten und sie auf unsere Kosten zu einer „Woche der Begegnung“ nach Wiener Neustadt einladen mit dem einen Ziel, diese jüdischen Menschen von Angesicht zu Angesicht für alles um Vergebung zu bitten, was ihnen und ihren Angehörigen an Schrecklichem geschehen ist.
Gleichzeitig hat uns Gott als ganze Gemeinde eine echte und tiefe Liebe für jüdische Menschen ins Herz gelegt, wie man sie von sich aus gar nicht produzieren kann.

Da wir ja keine einzige Adresse eines ehemaligen jüdischen Bürgers unserer Stadt kannten, waren wir auf Hilfe angewiesen. Die erste Adresse, die wir wie durch ein Wunder bekamen, war die eines Dr. David Weiss in Jerusalem. Bei unserer nächsten Israelreise besuchten meine Frau und ich diesen Mann in Jerusalem und sprachen mit ihm über unser Anliegen. Unsere Überraschung war sehr groß, als wir sahen, mit welch großer Offenheit er unserem Anliegen gegenüberstand. Unsere Überraschung steigerte sich aber noch mehr, als er uns mitteilte, dass er der Sohn des letzten Oberrabbiners von Wiener Neustadt sei und dass er 20 Adressen von ehemaligen jüdischen Bürgern Wiener Neustadts habe, die heute in Israel wohnen. Sofort organisierte er ein Treffen in Haifa, wo wir weitere 10 Holocaustüberlebende unserer Stadt kennen lernten.
Außerdem gaben wir in einigen deutschsprachigen jüdischen Zeitungen rund um die Welt Anzeigen auf, in denen wir unsere Suche nach ehemaligen jüdischen Bürgern unserer Stadt und unsere Absicht, diese zu einer Woche der Begegnung einzuladen, bekannt gaben. Viele schrieben uns oder riefen uns daraufhin an, sodass wir mit der Zeit etwa 90 Adressen aus der ganzen Welt bekamen.

Die erste Woche der Begegnung fand im Mai 1995 in Wiener Neustadt statt. Es kamen 43 Personen, für die wir ein umfassendes Programm ausarbeiteten und die wir als Gemeinde eine Woche lang betreuten. Was für ein Wunder sich da vor unseren Augen ereignete, konnten wir erst dann so richtig erkennen, als uns viele unserer Gäste erzählten, mit welch starken inneren Kämpfen sich beinahe jeder konfrontiert sah und welch große innere Widerstände sie überwunden mussten, um unsere Einladung überhaupt anzunehmen.
In dieser Woche gab es zwei herausragende Höhepunkte:

An einem Tag planten wir ein Treffen in unserem Gemeindezentrum mit unserer ganzen Gemeinde, im Rahmen dessen wir unser eigentliches Anliegen, sie von Angesicht zu Angesicht um Vergebung zu bitten, ausdrückten. Viele Tränen flossen auf beiden Seiten. Manche unserer Gäste erlebten dieses Treffen wie einen Neubeginn, wo etwas in ihrem Herzen zu schmelzen begann und tiefe, innere Wunden heilsam berührt wurden.

Was sie nach ihren eigenen Aussagen am meisten in ihrem Herzen berührte, war die große Liebe, die sie durch die ganze Woche hindurch von der ganzen Gemeinde erlebten. Diese Liebe war ein Geschenk Gottes, mit dem er seine Liebe zu seinem eigenen Volk zeigen wollte.

Der zweite Höhepunkt war ein Schabbatgottesdienst am Freitag an einer historischen Stätte an der alten Stadtmauer von Wiener Neustadt, an der sechs sehr alte jüdische Grabsteine aus dem 12. und 13. Jahrhundert mit hebräischen Inschriften als Erinnerung an die mittelalterliche jüdische Gemeinde der Stadt angebracht sind. An dieser „heiligen Stätte“ feierten unsere jüdischen Gäste unter der Leitung von Dr. David Weiss, seinem Sohn und Enkelsohn im Beisein unserer ganzen Gemeinde einen außergewöhnlichen Schabbatgottesdienst. Dies war nach 57 Jahren der erste jüdische Gottesdienst, der wieder in Wiener Neustadt gehalten wurde. Danach feierten wir in einem Hotel einen Schabbatabend, den wir nie mehr vergessen werden, weil wir dabei spontan geradezu eine Explosion von Freude, Singen und Tanzen erlebten, wie selbst unsere Gäste dies niemals für möglich gehalten hätten – in einer Stadt, die mit so vielen bitteren Erinnerungen verbunden war.

In dem Zeitraum von 1995 bis 2005 luden wir fünfmal zu einer Woche der Begegnung ein und jede einzelne war ein außergewöhnliches Ereignis.

Als Frucht dieser Begegnungen entstanden viele Freundschaften, die anhalten und sich weiter vertiefen. Manche unserer Gäste haben angefangen, auch privat nach Österreich zu kommen und ihre Kinder und Enkelkinder mitzubringen.

Es ist kaum zu beschreiben, welch Segen diese Begegnungen auf beiden Seiten hervorgebracht haben.

Pastor Mag. Helmuth Eiwen
Ichthys Gemeinde Wiener Neustadt