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"Die Christen schulden den Juden Solidarität"

Der Antisemitismus-Forscher Max Gottschlich vermisst den Einsatz der Kirche für das Existenzrecht Israels.

Der Kommunikationswissenschafter und Antisemitismus-Forscher Maximilian Gottschlich über den jüdischen Kern des Christentums und verdrängte Schuld in der Debatte um den Nahost-Konflikt.

KURIER: Herr Professor, im Gaza-Streifen herrscht Krieg, und in Europa nimmt die Kritik an Israel zu. Kann man Israel kritisieren, ohne sich dem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen?
Max Gottschlich: Es ist durchaus legitim, an israelischer Politik Kritik zu üben. Aber womit wir es heute zu tun haben, ist eine neue Welle des Antisemitismus im Gewand des Antizionismus. Die Existenz Israels ist nach wie vor vielen ein Dorn im Auge, aber zumindest in Israel sollten im Sinne Theodor Herzls Juden in Frieden und Sicherheit leben können. Ich vermisse den Aufschrei der Christen und der Kirchen, wenn die Hamas oder das Iraner Regime nicht aufhören zu fordern, dass Israel vernichtet werden müsse, und täglich Raketen auf Israel abgefeuert werden.

KURIER: Warum gerade der Kirche?
Max Gottschlich: Weil jeder Terrorangriff auf Israel auch als Angriff gegen die Christenheit empfunden werden müsste. Johannes Paul II. hat gesagt, das Judentum gehöre zum Innersten des Christentums. Jesus war Jude, seine Mutter war Jüdin, sein Vater war Jude, seine Gefolgschaft waren Juden, sein Beten war jüdisch, und seine Lehre ist jüdisch. Alles am Christentum ist eigentlich jüdisch. Man könnte sagen, Gott hat sich in einem Juden ein menschliches Antlitz gegeben. Die spirituelle Erneuerung des Christentums, zu der der Papst aufruft, kann nur gelingen, indem das Christentum sein Selbstverständnis neu – eben als ein jüdisch durchdrungenes – definiert. Dies ist auch unverzichtbar mit Blick auf die christliche Mitschuld am Holocaust.

KURIER: Inwiefern sehen Sie eine Mitschuld am Holocaust?
Max Gottschlich: Der nationalsozialistische Antisemitismus konnte nur gelingen, weil durch Jahrhunderte der Boden durch christlichen Antisemitismus bereitet war. Natürlich hat das Christentum den Holocaust nicht verursacht, aber es hat auch nichts getan, um ihn zu verhindern. In Auschwitz ist das Christentum moralisch zugrunde gegangen. Das ist der tiefere Grund, warum es heute keine spirituelle Kraft mehr entfalten kann. Nicht die Juden brauchen die Versöhnung, sondern die Christen, um in Zukunft bestehen zu können.

KURIER: Viele vergleichen den Gaza-Streifen mit einem KZ ...
Max Gottschlich: ... wie auch Kurienkardinal Renato Martino, der vatikanische Beauftragte für Menschenrechte. Ich bin über diesen Vergleich entsetzt. Das lässt sich nur tiefenpsychologisch erklären: Um die Mitschuld am Holocaust aus dem Bewusstsein ausblenden zu können, wird auch die aktuelle Leidensgeschichte des Volkes Israel und der Terror gegen Israel ignoriert. Wann immer Israel sein Existenzrecht verteidigen will, ergreift die Kirche in der Regel Partei gegen Israel. Ich vermisse die Solidarität mit Israel. Die Christen schulden sie den Juden vor dem Hintergrund der Shoah und der theologischen Einsicht, dass das Christentum nicht ohne Judentum ist. Um sich nicht mit Schuld und Mitschuld am Holocaust auseinandersetzen zu müssen, übt man Kritik an der aktuellen Politik Israels.

KURIER: Aber die Aufklärung in den letzten Jahrzehnten hat doch einen Rückgang des Antisemitismus bewirkt. Oder sehen Sie das anders?
Max Gottschlich: Zwei Generationen nach Auschwitz ist der Antisemitismus immer noch virulent. Man kann ihn nicht mit Aufklärung und political correctness allein bekämpfen. Es braucht vor allem eine neue Kultur der Scham. Die vermisse ich gerade auch in Österreich. Man sieht das am Fall des Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf. Man nimmt ihm die Distanzierung vom NS-Gedankengut nicht ab. Wenn sich die Rechte der political correctness beugt, heißt das noch lange nicht, dass sie umgedacht haben.

Artikel vom 19. 1. 2009 | KURIER | Daniela Kittner
(Mit freundlicher Genehmigung von Prof.Max Gottschlich)

BUCHTIPP:
Gottschlich, Maximilian: Versöhnung.
Spiritualität im Zeichen von Thora und Kreuz, Böhlau: Wien 2008.

Christentum ist nicht ohne Judentum. Dieser Umstand wird von vielen Christen weithin tabuisiert und ignoriert. Immer noch trifft zu, was der Theologe Karl Barth einmal so formulierte: "Die Kirche ist den Juden, denen sie alles schuldet, bis zum heutigen Tag alles schuldig geblieben." Dieses Buch macht deutlich: Christliche Spiritualität "nach Auschwitz" kann nur eine Spiritualität der Versöhnung sein – im wahrhaften Dialog mit dem Judentum, mit dem Geist Israels, aus dem auch der gläubige Jude Jesus schöpfte. Der Weg dort hin beginnt damit, nicht das Trennende beider Religionen zu suchen, sondern das Verbindende. Wie das gelingen kann, darauf versucht der Wiener Kommunikationswissenschafter Maximilian Gottschlich Antwort zu geben. Der Autor zieht darin Bilanz auch über seinen eigenen religiösen Weg als katholischer Christ mit familiären jüdischen Wurzeln, als Grenzgänger zwischen Judentum und Christentum, der sich in beiden Religionen beheimatet fühlt. Sein Buch verbindet persönliche Überzeugungen und religiöse Einsichten mit grundsätzlichen Fragen des Glaubens im post-metaphysischen Zeitalter…
(Quelle:www.boehlau.at)