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Die Geschichte der Juden in Wien

Die erste historische Erwähnung von Juden im Gebiet des heutigen Österreichs stammt aus der Karolinger Zeit – es ist die sogenannte Raffelstätter Zollordnung aus der Mitte des 10. Jahrhunderts. In dieser werden jüdische Kaufleute mit anderen Kaufleuten gleichgestellt.
Vom 12. bis zum 19. Jh. war Juden die Niederlassung in Wien nur mit Erlaubnis der Landesfürsten möglich. Sie waren über die Jahrhunderte einem Wechsel zwischen Tolerierung, Vertreibung und Vernichtung ausgesetzt

Im Mittelalter : Die Entstehung der ersten jüdischen Gemeinde
Die Babenberger förderten die Ansiedlung der Juden, weil diese kapitalkräftig waren. Der erste in den Wiener Urkunden namentlich genannte Jude hieß Schlom (Salomon), der unter Herzog Leopold V. (1177-1194) um 1193/94 nach Wien kam, wo ihn der Herzog zu seinem Münzmeister ernannte. In dieser Funktion hatte er die Münzherstellung als unabhängige Kontrollinstanz für den Herzog, der diese den Hausgenossen, einem Gremium von Wiener Bürgern, übergeben hatte, zu überwachen. Die Einrichtung der Wiener Münzstätte unter Leopold V. und damit auch die Berufung Schloms dürfte mit der Auszahlung des Lösegelds für den englischen König Richard Löwenherz, den Leopold einige Jahre zuvor gefangengenommen hatte, zusammengefallen sein. Schlom begründete somit die alte Münzstätte "Am Hof", gleich neben der Babenberger Burg. Aus den vier Häusern, die in seinem Besitz waren, und der Synagoge von 1204 entstand das erste Judenviertel von Wien um den Judenplatz. Schon Ende des 12. Jahrhunderts (1196) kam es zu den ersten antisemitischen Ausschreitungen in Wien. Kreuzfahrer, die auf ihrem Weg ins Heilige Land durch Wien zogen, ermordeten 16 Juden – unter diesen war auch Schlom.
Die Herrscher hingegen waren ausgesprochen judenfreundlich. Die "Judenordnung der Babenberger" gilt als die toleranteste Minderheitenregelung des deutschsprachigen Raums im Mittelalter. Sie beinhaltete sogar die Todesstrafe für die Ermordung von Juden und für die Schändung von jüdischen Friedhöfen. Aufgrund der judenfreundlichen Haltung entwickelte sich Wien zu einem geistigen Zentrum des Judentums im Laufe des 13. Jahrhunderts. Unter Ottokar II wurde die Wiener Judengemeinde zur größten im deutschen Sprachraum. Vor dem Kärntner Tor wurde der erste Judenfriedhof angelegt.

1267 änderte sich die Situation auch in Wien. Aufgrund der Beschlüsse des 4. Laterankonzils wurde der Herrscher gezwungen, erste Bestimmungen gegen Juden zu erlassen: Sie mußten einen gehörnten gelben Judenhut tragen, dem katholischen Pfarrer ihres Wohnsprengels einen Geldbetrag zahlen (bekannt als Zehent und Stolagebühr), sie durften kein öffentliches Amt annehmen, keine Bäder und Gasthäuser betreten und keine christlichen Dienstboten einstellen. An christlichen Feiertagen hatten sie Ausgehverbot. Juden durften nicht in der Landwirtschaft, im Handel oder Gewerbe tätig sein, somit blieben ihnen nur die Geldgeschäfte und der Altwarenhandel.
Ab dem Beginn des 14. Jahrhunderts (es lebten ca. 800 Juden in Wien) wurde eine eigene Judensteuer eingehoben.

Als am 5. November 1406 in der Wiener Synagoge ein Brand ausbrach, der sich auf die ganze Judenstadt ausweitete, beschuldigten Wiener Studenten die Juden, dass sie die ganze Stadt niederbrennen wollten und riefen zur allgemeinen Plünderung der jüdischen Häuser auf, an welcher sich auch die Wiener Bürger beteiligten.
1411 wurde Albrecht rechtmäßiger Herrscher Österreichs, und er begann die Wirtschaft zu fördern, dazu verwendete er auf Vorschlag der Zünfte wieder das Geld der Juden. Der jüdische Handel in Wien hatte sich nach der Katastrophe von 1406 schnell wieder erholt, und 1417 gehörten Juden etwa ein Sechstel aller Häuser der Stadt. Doch ging den Juden das wichtigste verloren bzw. es veränderte sich, und zwar der Kundenstamm. Waren früher Adelige die Großkunden der Juden, so wurden es jetzt immer mehr Bürger, die bei den Juden Darlehen und Kredite aufnahmen. Diese hatten aber nicht die Macht, die Juden zu beschützen, sondern waren sogar mit den Juden auf geschäftlicher Basis konkurrierend. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sie nach und nach begannen, die Juden aus ihren Geschäften herauszudrängen und diese selbst zu übernehmen. Dazu kam noch ein für Albrecht unglücklich verlaufender Hussitenkrieg, der es für ihn nötig machte, sich nach weiteren Geldquellen umzusehen. Es kam ihm daher gerade recht, dass man im Frühsommer des Jahres 1420 eine Mesnerin beschuldigte, an die Juden konsekrierte Hostien verkauft zu haben, die diese dann entweihen und schänden wollten. Diese Beschuldigungen reichten für Albrecht V. aus, im ganzen Land Judenverfolgungen zu beginnen und die Wiener Juden gefangenzunehmen. Viele der Juden, die am Anfang glaubten, dass man sie der Zusammenarbeit mit den Hussiten, die gerade das Land verwüsteten, beschuldigte, verschanzten sich daraufhin in der Wiener Synagoge und begingen Selbstmord, als man ihnen die Kinder zur Zwangstaufe entreißen wollte. Die armen Juden, aus denen man kein Geld herauspressen konnte, wurden daraufhin auf der Donau in ruderlosen Booten ausgesetzt. Sie trieben die Donau bis nach Ungarn hinunter. Die Reichen aber blieben eingekerkert und wurden solange gefoltert, bis sie entweder den Ort ihrer vermutlichen Schätze preisgaben oder bis sie sich taufen ließen. Jene Juden, die sich der Zwangstaufe widersetzten und nicht während der Folter starben, etwa 200 Menschen, wurden am 12. März 1421 auf die Gänseweide, die heutige Erdberger Lände, geführt und verbrannt. Die Häuser der Judenstadt wurden vom Herzog eingezogen und entweder verkauft oder an politische Günstlinge vergeben. Die Synagoge wurde bis zu den Grundmauern abgerissen. Österreich wurde für die Juden Europas zum ,,Erez Hadamim", dem Blutland, und bis in die Zeit Friedrichs III. (1463-1493) und Maximilians I. (1493-1519) wollten sich keine Juden mehr in Wien ansiedeln.

1584 bis 1670: Entstehung der zweiten jüdischen Gemeinde
Ab 1584 ließen sich einzelne „hofbefreite“ Juden in Wien nieder. „Hofbefreiung“ bedeutet vor allem Befreiung von Mauten, Zöllen und kommunalen Abgaben, wodurch der Hofkammer die Finanzkraft der Privilegierten reserviert werden soll. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts gab es wieder eine nachweisbare jüdische Bevölkerung in Wien. 1623 wurden alle Wiener Juden außerhalb der Stadt im "Unteren Werd" angesiedelt (heutiger 2. Bezirk). In der Stadt durften sie nur noch in der Judengasse tagsüber ihren Geschäften nachgehen. Abends mußten sie die Stadt verlassen. Im "Unteren Werd" wurde nun auch eine Synagoge eingerichtet. In der Mitte des 17. Jahrhunderts lebten hier fast 1400 Juden in 132 Häusern. (Auch von den Nationalsozialisten wurde ihnen diese Gegend vor ihrer Deportation in die Konzentrationslager als Aufenthaltsort zugewiesen.) Die neue Synagoge entstand an jener Stelle, wo heute die Leopoldskirche steht. Um das Bethaus bauen zu dürfen, mußten die Wiener Juden zwei Regimenter ausrüsten und verpflegen. Es gab außerdem noch ein Wachhaus mit jüdischen Wachen (Große Sperlgasse 30), ein Spital (Im Werd 7) und eine Schule (Grünbaumgasse 1). Die jüdische Bevölkerung lebte im Wiener „Ghetto“ in wirtschaftlicher Freiheit. Sie durften hier auch ein Handwerk ausüben. (Das wurde außerhalb des „Ghettos“ erst unter Joseph II. erlaubt.) 1670 beschloss Kaiser Leopold I aus hauptsächlich religiösen Gründen die zweite Vertreibung der Juden aus Stadt und Land. Das ehemalige Wohngebiet „am Unteren Werd“ wurde zur Leopoldstadt.

1683 bis 1848: Der lange Weg zu gleichen Rechten
Nach den Türkenkriegen entstand hoher Geldbedarf. Bereits ab 1683 wurden jüdische Frauen und Männer als Kreditgeber nach Wien geholt. Der erste war Samuel Oppenheimer. Mit ihm begann die Ära der sogenannten Wiener Hofjuden. Nach dem endgültigen Friedensschluss mit der Türkei 1718 wurde in Wien eine türkische Niederlassung gegründet, die auch Dutzende sefardische Juden, Nachkommen spanischer Jüdinnen und Juden, umfasste. Bereits 1736 konnte diese Gruppe der Juden eine eigene Gemeinde gründen. Den Wiener Juden blieb das noch mehr als hundert Jahre verboten.
Im Jahr 1782 erließ Kaiser Joseph II. sein Toleranzpatent. Dieses befreite die Juden von vielen Beschränkungen und ermöglichte ihnen den Zuzug nach Wien. Kaiser Franz I. genehmigte 1812 die Eröffnung einer Schule und eines Bethauses in der Seitenstettengasse. In diesen Jahren rückten einzelne jüdische Bürgerinnen und Bürger in den Adelsstand auf, die Tradition der literarischen Salons, wie der von Fanny von Arnstein, wurde begründet. Nach den Plänen von Josef Kornhäusel wurde 1825/26 der Stadttempel in der Seitenstettengasse gebaut. Als Prediger wurde Isak Noah Mannheimer nach Wien berufen, der gemeinsam mit dem Kantor Salomon Sulzer bezüglich der Liturgie einen für Orthodoxe und Reformanhänger akzeptablen Kompromiss fand.

1848 bis 1914: Die Entwicklung zur Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde.
Das Revolutionsjahr 1848 war ein bedeutendes und veränderndes Jahr für das Wiener Judentum, vor allem auch als Beteiligte an den Ereignissen. Es war der jüdische Arzt Dr. Adolf Fischhof, der am 13. März 1848 vor dem Landhaus in der Herrengasse die wesentlichen Forderungen der Revolution formulierte: unter anderem Religionsfreiheit, Pressefreiheit sowie Lehr- und Lernfreiheit. Viele andere jüdische Bürgerinnen und Bürger folgten seinem Beispiel. Sie leisteten damit einen wesentlichen Beitrag für den langen Weg zur Verfassung des Jahres 1867.( Staatsgrundgesetz: Völlige bürgerliche Gleichstellung aller Österreicher, damit auch der Juden.)
1852 war das Jahr der Konstituierung der „Israelitischen Cultus-Gemeinde“ mit provisorischem Gemeindestatut. 1858 wurde der Leopoldstädter Tempel, Wiens größte Synagoge, fertiggestellt. Die orthodoxe Gemeinde übersiedelte aus einem kleinen Bethaus in die nachmalig berühmte „Schiffschul“ .Ab Mitte des 19. Jh. setzte eine starke Immigrationsbewegung aus den östlichen Gebieten der Monarchie ein. Der Weg des Judentums zum Aufstieg ins Großbürgertum und in die Aristokratie war geebnet. Am wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten jüdische Familien großen Anteil. Nicht mehr an Verbote und Einschränkungen gebunden, entwickelte sich ein blühendes Gemeinwesen, das so viel dazu beitrug, was Wien in diesen Jahrzehnten prägte. Das Wiener Judentum identifizierte sich mit dem Österreich der Habsburger, mit dem liberalen Gedankengut der Zeit und mit dem, was allgemein als "deutsches Kulturgut" galt. Was dabei bewahrt wurde, war immer die eigene Identität.
Theodor Herzl kam im Jahr 1878 aus Budapest nach Wien. "Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen" - diese seine Worte galten sowohl für den aufkeimenden Zionismus als auch für die beginnende Emanzipation der Arbeiterschaft. Als Redakteur der Tageszeitung "Neue Freie Presse" sah er sich vor allem mit dem Antisemitismus im religiösen und politischen Sinn konfrontiert. 1896 begründete Herzl mit seinem visionären Buch "Der Judenstaat" den politischen Zionismus.
1914 bis 1930: Von der Monarchie zur Republik
1914 bezeichnete den Ausbruch des I. Weltkrieges. Jüdische Flüchtlinge aus den östlichen Kriegsgebieten kamen in großer Zahl nach Wien. Nach 1918 war das Elend unter der Masse der Juden groß. Die Gemeinde erreichte zeitweilig ihren zahlenmäßig höchsten Stand. 1919 wurde der „Deutschösterreichische Schutzverein Antisemiten-Bund“ gegründet. Trotz aller politischen Widrigkeiten nahmen Jüdinnen und Juden in der Monarchie und in der Ersten Republik eine bedeutende Stellung ein. Die Mehrzahl der österreichischen Nobelpreisträger, viele bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Musikerinnen und Musiker, Theaterleute, bildende Künstlerinnen und Künstler sowie Ärztinnen und Ärzte stammten aus jüdischen Familien. In der antisemitischen Propaganda wurde der Neid auf diese erfolgreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler geschürt.

1930 bis 1945: Vertreibung und Vernichtung
Schon in den 1930er-Jahren kam in Wien zum religiösen und politischen zunehmend der rassische Antisemitismus. Mit dem Einmarsch der Hitler-Truppen im März 1938 begann für die Wiener Juden ein unvergleichlicher Leidensweg. Durch den „Anschluss“ an Nazi-Deutschland 1938 verloren die Wiener Juden jegliche persönlichen Rechte und ihre Lebensgrundlage. Es kam zu ernsthaften Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden in aller Öffentlichkeit misshandelt und zu den erniedrigendsten Arbeiten gezwungen und hatten den gelben Stern zu tragen. Sie mussten die Vornamen "Sara" beziehungsweise "Israel" annehmen. Viele Geschäfte wurden enteignet ("Arisierung") und die Vermögen eingezogen. Wer flüchten konnte, ging mit leeren Händen und ohne Existenzgrundlage in eine ungewisse Zukunft.
Im Novemberpogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten Synagogen und Bethäuser, jüdische Geschäfte wurden geplündert und zerstört. Mit Ausnahme des Stadttempels in der Seitenstettengasse wurden alle jüdische Gotteshäuser verwüstet. Die einst blühende jüdische Gemeinde Wiens wurde von den Nationalsozialisten fast völlig vernichtet. 1938 umfasste die jüdische Bevölkerungsgruppe noch rund 200.000 Personen, davon 181.000 Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde. Bis Mai 1939 verließen etwa 120.000 Menschen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Jüdinnen und Juden galten, Wien. In 1941 begannen die Massendeportationen. 65.459 österreichische Juden wurden in den verschiedenen Vernichtungs- und Konzentrationslagern ermordet. Nur 5.816 erlebten die Befreiung in Österreich. Viele derjenigen, die noch flüchten konnten, ertrugen das Exil nicht, starben an Enttäuschung oder setzten ihrem Leben ein Ende.
1945 bis 2009:
Halb Wien war nach dem Krieg ein Lager für „Displaced persons“ aus dem Osten. Die meisten dieser Menschen waren Juden, die nach Palästina wollten. Wenige Vertriebene kehrten nach Wien zurück, und es war für die im April 1945 wiedergegründete Kultusgemeinde schwer vorstellbar, dass sich in Wien wieder eine florierende jüdische Gemeinde entwickeln würde. Durch Zuzug aus Osteuropa entstand jedoch ein neues Gemeindeleben, und Schulen und andere wichtige religöse und soziale Einrichtungen wurden neu gegründet.
Auf Initiative von Prof. Kurt Schubert wurde 1966 das Institut für Judaistik an der Universität Wien gegründet. Ab 1970 wurde Wien eine Brücke für sowjetische Juden, die von der UdSSR nicht direkt nach Israel auswandern konnten. Zahlreiche von ihnen blieben in Wien.
2008 eröffnete der neue ‚IKG-Campus’ im Wiener Prater, bestehend aus dem neu errichteten Hakoha-Sportzentrum und dem Schulzentrum. Im Jahr 2009 werden diese Einrichtungen noch um ein Elternzentrum erweitert.
In den letzten Jahrzehnten hält sich der Mitgliederstand trotz Abwanderung vieler Jugendlicher bei etwa 7.000. Insgesamt leben etwa 10.000 bis 12.000 Juden in Wien.

M-L. Weissenböck (Quellen: www.jmw.at; www.wien-vienna.at/geschichte; www.wien.gv.at/kultur/juedischeswien/geschichte/; www.viennawalks.com; www.museumonline.at)