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Novemberpogrom 1938 ("Reichskristallnacht") in Österreich:
Gedenken 70 Jahre danach

Was in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 als sogenannte “Vergeltungsaktion“ des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels begann, endete in einem gewalttätigen Pogrom, in dem viele jüdische Österreicher ermordet und verletzt wurden.

Allein in Wien wurden im Verlauf dieses Pogroms, der hier keineswegs, wie der verharmlosende Begriff “Reichskristallnacht“ impliziert, nur eine Nacht, sondern mehrere Tage dauerte, 42 Synagogen und Bethäuser in Brand gesteckt und verwüstet.
Auch in Graz ging die jüdische Zeremonienhalle in Flammen auf. Die Synagoge der Linzer Kultusgemeinde, 1877 errichtet, wurde in der Pogromnacht – so wie viele religiöse und kulturelle jüdische Stätten in ganz Österreich – zerstört.
Tausende jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert, zerstört und beschlagnahmt. In Wien allein kamen 6.547 Juden in Haft, 3.700 davon in das KZ Dachau; viele von ihnen wurden in Dachau, Buchenwald und anderen Konzentrationslagern ermordet.

Österreichweit fanden angesichts der Ereignisse vor 70 Jahren zahlreiche Veranstaltungen statt, in denen u.a. auch die kirchliche Mitschuld am Antisemitismus thematisiert wurde.

Zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Novemberpogrome des Jahres 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Wien veranstalteten auch in diesem Jahr wieder mehrere kirchliche und jüdische Organisationen gemeinsam ab dem 4. November die Gedenkwoche “Mechaye Hametim“ (Der die Toten auferweckt).

Im Zentrum der Gedenkveranstaltungen in Wien stand ein ökumenischer Gottesdienst am 9. November in der Wiener Ruprechtskirche in der Inneren Stadt. Kardinal Christoph Schönborn, der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker und der griechisch-orthodoxe Metropolit von Austria, Michael Staikos, leiteten den Gottesdienst.

“Es ist unsere besondere Aufgabe als Christinnen und Christen, als Kirchen, im Einsatz für Humanität und Menschenrechte für alle zu stehen“, sagte der lutherische Bischof Michael Bünker in seiner Ansprache. Die evangelischen Kirchen seien besonders belastet durch die Geschichte. “Wir Christinnen und Christen haben nicht nur zugesehen, wie den Jüdinnen und Juden Zug um Zug alle Rechte und zuletzt das bloße Recht auf Leben genommen wurde - ja, wir haben oft genug nicht nur zugesehen, sondern mitgemacht. Gott sei's geklagt. Wir sind in die Irre gegangen, haben Schuld auf uns geladen und haben Umkehr nötig.“ Das sei kein einmaliger Akt, “sondern ist ein langer und mühevoller Weg, auf dem sich die Kirchen in ihrer je eigenen Betroffenheit, auf ihre je eigene Art und Weise befinden“. Niemand verlasse sich heute blind auf unsere “so zivilisierte Gesellschaft“. Es brauche “unser aller Wachsamkeit: Rechtsextreme Gesinnung nimmt zu, wird zunehmend akzeptiert und hingenommen.“

Der katholische Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn sagte in seiner Ansprache “Gedenken ist eine Haltung - die Haltung, nicht wegzuschauen, nicht Schuld zu verschieben, nicht sich unschuldig machen.“ Gedenken sei eine “Verbeugung vor denen, die vor der Geschichte anders gehandelt haben, die den Opfern in die Augen geschaut haben und die sich getrauten, eine Hand des Mitgefühls auszustrecken.“ So bedeute Gedenken auch das Lauschen auf das Wort Gottes und das “Hinhören auf das Gewissen und das ewige Gesetz der Würde.“

Der Wiener orthodoxe Metropolit Michael Staikos hob in seinem “Bußgebet“ die “tiefe Beschämung“ hervor, weil vor 70 Jahren “viel zu wenige Christen“ ihre Stimme gegen die Barbarei erhoben haben. Wörtlich sagte der Metropolit: “Stärke in uns, Herr, unser Gott, die Bereitschaft, deinen heiligen Willen zu tun, Liebe zu üben und uns für Gerechtigkeit einzusetzen und wecke in uns die Liebe zu deinem Volk Israel, deiner ersten Liebe“.

Im Anschluss an den Gottesdienst folgte ein Schweigegang zum Judenplatz. Dort stellte die Gottesdienstgemeinde Kerzen als Gedenklichter beim Mahnmal für die ermordeten Juden auf.

Kardinal Schönborn, Metropolit Staikos und Bischof Bünker nahmen auch an der Gedenkveranstaltung im jüdischen Stadttempel teil. Dabei rief Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), die österreichischen Politiker dazu auf, sich gerade vor der nahenden Wirtschaftskrise klar vom Rechtsextremismus abzugrenzen. Die Novemberpogrome 1938 seien nur erklärbar “aus alldem, was vorher geschehen ist - auch wirtschaftlich“, so Muzicant. Daher sei gerade jetzt jede unklare Abgrenzung zum Rechtsextremismus eine Gefahr. Die Politik müsse alles tun, dass die Menschen “weniger Angst und mehr Hoffnung haben“, appellierte der IKG-Präsident.

Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg erinnerte daran, dass schon im März 1938 das NS-Regime die jüdischen Menschen – deren Vorfahren seit Generationen österreichische Bürger waren – zuerst “zu Fremden gemacht“ und schließlich für vogelfrei erklärt habe. Heute sei die jüdische Gemeinde “dezimiert, verletzt und im Wiederaufbau begriffen“, wobei klar sei, dass sie nie wieder so groß werde wie damals. “Aber immerhin: Heute sind wir wieder Bürger und das kann uns keiner nehmen“, sagte der Oberrabbiner. Die große Zahl an Gästen aus der Politik an diesem Abend sei “der Beweis“ dafür.


“Die schrecklichen Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 sind und bleiben eine Mahnung an Kirche und Gesellschaft aus der Geschichte zu lernen“, heißt es in einer Stellungnahme des Vorstands der Katholischen Aktion der Diözese Linz. Wörtlich wird weiter festgestellt: “Im Gedenken an das Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung darf nicht übersehen werden, dass es auch heute noch verschiedenste Formen von Antisemitismus, Intoleranz und Menschenfeindlichkeit gibt. Sündenbock-Theorien und religiöse Vorurteile sowie eine zunehmende Gewaltbereitschaft gefährden den gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Grundlegend für jede Gemeinschaft sei die gegenseitige Achtung und Wertschätzung. Diese selbstverständlichen Gebote für menschliches Zusammenleben “wurden im Nationalsozialismus außer Kraft gesetzt“. Heute sei es notwendig, sich verstärkt auf ein friedliches Miteinander zu besinnen.


Marie-Louise Weissenböck (Quellen: www.doew.at; www.kathweb.at; www.religion.ORF.at; www.wienweb.at)