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Menschen wie du und ich

Kittsee, Eisenstadt, Mattersburg, Frauenkirchen, Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreuz - Gemeinden im Burgenland. Wir kennen sie, aber wer weiß noch um ihre zu Herzen gehende Geschichte?
Nehmen wir Mattersburg, das früher (bis 1924) Mattersdorf hieß, als die Geschichte begann, an die wir uns heute erinnern wollen. Menschen wie du und ich haben das Bild dieser Gemeinde geprägt. Sie kamen aus Ödenburg, dem heutigen Sopron. Menschen wie du und ich , mit nur einem Unterschied – es waren Juden. Und dieser kleine Unterschied hing ihnen immer wieder wie ein Makel an. Obwohl sie großen Fleiß aufbrachten, um die Heimat mit zu gestalten, war ihnen selten Ruhe und Bleiben vergönnt. 1644 wurde die Judengasse erstmals erwähnt. Auf Befehl von Leopold I. mussten im Jahre 1671 alle Juden ihre Mattersburger Besitzungen verlassen. 1678 kehrten sie auf Einladung von Paul I. Fürst Esterhazy zurück , mussten jedoch ihre Häuser zurückkaufen. 1902/1903 wurden die Marktgemeinde und die Judengemeinde vereinigt.

Im Grunde, so überliefern es alle Dokumente, gestaltete sich das Zusammenleben der Juden und der Nichtjuden im Burgenland ohne wirkliche Probleme. Auch Richard Berczeller, Mattersburger Arzt bis 1938 und in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Schreiber im New Yorker, berichtet das.
Dann kam der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und damit Vertreibung, Ausbürgerung und Enteignung der Mattersburger Juden innerhalb weniger Monate. Schon am 30. September 1938 meldeten die lokalen Nazis stolz, der letzte der 530 Juden sei verschwunden. Das stimmte aber nur bedingt. Oberrabbiner Samuel Ehrenfeld, der Oberrabbiner von Mattersburg und Vorsitzender der orthodoxen Kultusgemeinde, Träger des Goldenen Verdienstkreuzes der Republik Österreich (1931) sowie Chef der zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegründeten Mattersdorfer Jeschiwa, jener Thora-Hochschule, die Studenten aus ganz Europa anzog und viele seiner Gemeindemitglieder schafften die Emigration nach New York, wo das Mattersdorfer Leben in Brooklyn weiterging.

Etwa 100 Männer, Frauen und Kinder der Mattersburger Juden dürften in den Konzentrations- und Vernichtunslagern des NS-Regimes ermordet worden sein. Die meisten der Überlebenden Mattersburgs blieben auch in der Emigration zusammen, was von ihrer Heimatliebe und ihrer Hoffnung auf Rückkehr zeugt.

Mit der 1948 erfolgten Gründung Israels tat sich jedoch eine andere und für jeden frommen Juden verlockende Türe auf. Auch die Mattersburger Juden pflegten das Gebet, in dem es hieß „Nächstes Jahr in Jerusalem!“, Wunsch und Schwur zugleich. Unter Leitung des Sohnes von Oberrabbiner Samuel Ehrenfeld, Akiba Ehrenfeld, wurde im Norden Jerusalems der Stadtteil „Kirjat Mattersdorf“ gegründet, bis zum heutigen Tag Wohnsitz und neue Heimat vieler ehemaliger burgenländischer Juden und deren Nachkommen – in Erinnerung an die burgenländische Heimat und Herkunft. Die vor 1938 überregional angesehene Jeschiwa, die Thora-Schule von Mattersburg, wird bis heute fortgesetzt, da Ehrenfelds Sohn, Akiba Ehrenfeld, und danach auch dessen Sohn, Isaak Ehrenfeld, ihrem Vater und Großvater als Rabbiner und Träger der „Mattersburger Gelehrsamkeit“ nachfolgten. Die Attraktion der Mattersdorfer Jeschiwa versuchte Isaak Ehrenfeld, der mit seinem Vater, Akiba Ehrenfeld im April 2009 Mattersburg besuchte, mit dem pädagogischen Ansatz zu erklären: "In Mattersdorf wurden nie Lehrsätze verkündet, sondern Fragen aufgeworfen. Die Studenten waren immer aufgerufen, sich an der Problemlösung zu beteiligen. Es ging stets um die Diskussion. Letztlich um die Frage: Wie ist jüdisches Leben möglich in den jeweils modernen Umständen?"

Kiryat Mattersdorf und seine Jeschiwa sind ein Teil Österreichs ist im Land Israel. "Wenn Sie am Sabbat durch Mattersdorf gehen", sagt Akiba Ehrenfeld, "kommen Sie sich vor wie im Burgenland." Die Verbundenheit der Mattersdorfer mit Mattersburg scheint eher zu- als abzunehmen. Akiba Ehrenfeld leugnet nicht, dass dies mit einer altersbedingten Sentimentalität jener zusammenhängt, deren Erinnerung so weit zurückreicht.

Als im Dezember 2008 Bundespräsident Heinz Fischer mit einer größeren Delegation Israel besuchte, gehörten dieser auch Landeshauptmann Hans Niessl, die Minister Michael Spindelegger, Norbert Darabos und Claudia Schmied an, denn es war klar und „Ehrensache“, dass die Siedlung „Kirjat Mattersdorf“ ein bedeutender Punkt im Besuchsprogramm sein würde, ein Zeugnis der Erinnerung und Verbundenheit mit der alten Heimat über das Grauen der NS-Zeit hinaus! Heimaterde, koscherer Wein aus dem Burgenland und ein originalgetreuer Nachdruck des Schutzbriefes, den am 1. Jänner 1800 Fürst Nikolaus II. Esterhazy für die jüdische Gemeinde von Mattersdorf ausgestellt hat, gehörten zu den Erinnerungsgeschenken, die deshalb Landeshauptmann Hans Niessl seinen jüdischen „Landeskindern“ mitbrachte. Denn welche Gemeinde Österreichs kann schon von sich sagen, dass sie einen Stadtteil in Israels Hauptstadt Jerusalem hat?

Christfried Battenberg

Quellen: www.mattersburg.gv.at , www.vhs-burgenland.at, Wolfgang Weisgram/Der Standard, 20.1.2009)

Infokasten:
Kiryat Mattersdorf ist eine Haredi-Gemeinde im Norden von Jerusalem, Israel. Sie wurde 1948 von Samuel Ehrenfeldt, dem letzten Oberrabbiner Mattersdorfs, dem jüdischen Teil der burgenländischen Stadt Mattersburg, gegründet. Das ultraorthodoxe Judentum ist ein Teil des orthodoxen Judentums, das an zahlreichen Traditionen sehr konservativ festhält. Die hebräische Bezeichnung für einen Anhänger dieser Richtung lautet חֲרֵדִי‎ (charedi von charada – „Furcht“), Mehrzahl חֲרֵדִים‎ (charedim), zu deutsch etwa „die Gottesfürchtigen“. Die Ultraorthodoxie unterscheidet sich von den übrigen orthodoxen Juden u. a. dadurch, dass weltliches Wissen als unwesentlich angesehen wird und der Kleidungsstil keinen säkularen Moden (mehr) angepasst wird. Teile der aschkenasischen Charedim sprechen auch heute noch Jiddisch und nicht Hebräisch, dessen Gebrauch einzig der religiösen Kommunikation vorbehalten ist.