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DÖW Leiterin warnt vor „sekundärem Antisemitismus“

Bailer-Galanda: Kernstereotype von der jüdischen Weltverschwörung und der Dominanz des Finanzjudentums kehren immer wieder
Wien (APA) - Die wissenschaftliche Leiterin des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW), Brigitte Bailer-Galanda, ist alarmiert über einen "sekundären Antisemitismus", der heute auch in Teilen der politischen Linken zu beobachten sei. Nach Auschwitz sei es zwar tabuisiert, über "die Juden" herzuziehen, doch könne man antisemitische Agitation immer auf bestimmte "Kernstereotype" reduzieren, wie die Idee einer jüdischen Weltverschwörung oder die Idee des Juden, der im Finanzgeschäft versiert ist und die Weltfinanz lenkt, sagte die Universitätsdozentin für Zeitgeschichte am Wochenende in einem Interview mit der APA - Austria Presse Agentur.
Beide Stereotype - die Weltverschwörung und die Dominanz des Finanzjudentums - finde man im alten Antisemitismus, aber ebenso beim neuen Antisemitismus, sagte Bailer-Galanda. "Es erschreckt mich in hohen Maßen, wenn ich heute in verstärktem Ausmaß antisemitische Klischees und antisemitisch konnotierte Äußerungen von Menschen höre, die ich zuvor für kritische Geister gehalten habe. Das muss ich ganz klar sagen", betonte Bailer-Galanda. Anzeichen für den neuen Antisemitismus seien "eine einseitige, völlig undifferenzierte, pauschalierende Kritik an Israel, den Israelis oder den Juden" sowie Pauschalierung, Verzicht auf Differenzierung und ein anti-israelischer "Manichäismus".
Dieser Hinweis auf antisemitische Muster bedeute aber keineswegs, dass man Israel nicht kritisieren dürfe, wandte sich Bailer-Galanda gegen ein beliebtes Argument der sogenannten "Israel-Kritiker". Selbstverständlich könne man die Politik Israels kritisieren, doch sei das pauschalierende Wort von der "Israel-Kritik" bereits entlarvend, weil niemand auf die Idee käme von "Italien-Kritik" zu sprechen, wenn man Kritik an Premier Silvio Berlusconi oder der neofaschistischen Duce-Enkelin Alessandra Mussolini anbringe. "Im Falle Israels aber kritisiert man nicht Olmert oder Barak, sondern Israel als pauschale Entität, die es gar nicht gibt. Kein Land ist eine homogene Menge von Menschen." Israel sei eine lebendige Demokratie mit vielschichtigen internen Konflikten und Problemen.

Die Idee der Weltverschwörung und einer Verschwörung Israels mit den USA finde sich im modernen Anti-Zionismus wieder, der leider auch bei manchen Globalisierungskritikern herumgeistere. Hinter dem Schlagwort Anti-Zionismus verberge sich zu oft das Bestreben, die Existenz des Staates Israel infrage zu stellen. Einige "anti-zionistische Gruppierungen" - wie etwa die Antiimperialistische Koordination (AIK) - vertreten eine Ein-Staaten-Lösung für Juden wie Araber in Palästina, wo den Juden die Rolle einer angeblich geduldeten Minderheit in einem arabischen Staat zugedacht werde. Bailer-Galanda: Dies sei "die raffinierteste Methode, das Existenzrecht Israels zu leugnen."
Die Probleme der Globalisierung, die in ihrer Komplexität schwer zu verstehen seien, würden rasch auf Finanzmachenschaften reduziert - "dann sind wir ganz schnell bei den Wallstreet-Juden. Es gibt offenbar einen Bodensatz antisemitischer Stereotypen, der sehr leicht abrufbar ist", sagte Bailer-Galanda. "Da haben wir uns in den 70er- und 80er-Jahren getäuscht, als wir gedacht haben, der Antisemitismus sei tot und kein Thema mehr. Heute müssen wir erkennen, dass er im Untergrund überlebt hat und in anderen Zusammenhängen wieder abrufbar wird."
Auch in der unkritischen Unterstützung mancher Gruppen für die Palästinenser könne man antisemitische Tendenzen ausmachen. Bailer machte im Hinblick auf den "palästinensischen Widerstand" klar, dass legitimer Widerstand nicht wahllos den Tod unschuldiger Zivilisten in Kauf nehmen dürfe. "Für mich endet eine Befreiungsbewegung dort, wo jemand als Attentäter möglichst viele unbeteiligte Zivilisten bewusst in den Tod mitreißt. Das ist vor allem seit der zweiten Intifada eine massive Bedrohung der israelischen Bevölkerung." Widerstand müsse sich gegen die bewaffneten Kräfte eines vermeintlichen Unterdrückungssystems richten, aber keinesfalls gegen Zivilisten. "Eine Bombe in einem Autobus unter Zivilisten und Schulkindern zu zünden, ist einfach durch nichts zu rechtfertigen. Das hat nichts mehr mit Widerstand zu tun", betonte die wissenschaftliche Leiterin des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes.

Brigitte Bailer-Galanda (geboren 1952 in Wien), studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie Geschichte an der Universität Wien. Seit 1979 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des DÖW tätig, seit 2003 Universitätsdozentin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Von 1998 bis 2003 war sie stellvertretende Vorsitzende der Historikerkommission der Republik Österreich. 1992 erhielt Bailer-Galanda den Käthe-Leichter-Preis für die Frauengeschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung, 1996 den Willy-und-Helga-Verkauf-Verlon-Preis für österreichische antifaschistische Publizistik und 1999 den Bruno-Kreisky-Förderungspreis.

Das Gespräch führte Ambros Kindel/APA
http://www.doew.at

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der IKG Wien.

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