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Auf dem Weg zur Umkehr
Jahr der Standortbestimmung zum evangelisch-jüdischen Verhältnis in Österreich

Drei evangelische Kirchen in Österreich, die lutherische, reformierte und methodistische, haben das Verhältnis zwischen Evangelischen und Juden zum Schwerpunktthema des Jahres 2008 erklärt.

„Mit tiefem Schmerz sehen wir die lange Spur von Blut und Tränen, von namenlosem Leid und Tod durch die Jahrhunderte, die Christen verursacht haben. Wir bitten dich, Herr unser Gott, um dein Erbarmen und Deine Vergebung.“ so Schuldbekenntnisworte beim ökumenischen Gottesdienst zum Tag des Judentums am 17.1.2008 in der Anglikanischen Kirche in Wien.

Am 27.01.2008 wird der neugewählte Bischof der evangelischen Kirche A.B. in Österreich Dr. Michael Bünker im Austria Center Vienna in sein Amt eingeführt. Er predigt: „Liebe Gemeinde, … Heute jährt sich zum dreiundsechszigsten Mal der Tag, an dem Auschwitz befreit wurde… Wir gedenken der Millionen Jüdinnen und Juden und der Schuld, die die Kirchen gegenüber Israel, dem Volk Gottes im ungekündigten Bund, auf sich geladen haben. Auch unsere Evangelische Kirche ist mitschuldig geworden durch Wegschauen und Zutun.“

1965: In einem Wort der Generalsynode der Evangelischen Kirchen A.u.H.B. in Österreich „Christen und Juden“ wird der Antisemitismus verurteilt.

1998: Die Generalsynode verlautbart zur 60-jährigen Wiederkehr der Reichskristallnacht eine Erklärung: „Zeit zur Umkehr – Die Evangelischen Kirchen in Österreich und die Juden“:
„Mit Scham stellen wir fest, dass sich unsere Kirchen für das Schicksal der Juden und ungezählter anderer Verfolgter unempfindlich zeigten… Deshalb sind nicht nur einzelne Christinnen und Christen, sondern auch unsere Kirchen an Holocaust/an der Schoah mitschuldig geworden…. Wir bemühen uns daher, das Verhältnis von evangelischen Christen und Juden entsprechend zu überdenken und zu gestalten.“ In der Folge bekennt sich die Erklärung zur bleibenden Erwählung Israels als Gottes Volk, verwirft jegliche antijüdische Ausschreitung der gesamten Kirchengeschichte, antijüdische Inhalte in Spätschriften M. Luthers, und bedauert die Beteiligung evangelischer Christen und Pfarrer an antisemitischer Propaganda.
In der Folge werden Diözesanbeauftragte für die christlich-jüdische Zusammenarbeit berufen.

2003: Nach dem programmatischen Beschluss der Generalsynode wird die Präambel der Kirchenverfassung wird um den Satz erweitert: „Beide Kirchen bekennen die bleibende Erwählung Israels als Gottes Volk und wissen sich durch ihren Herrn Jesus Christus hineingenommen in die Heilsgeschichte Gottes.“

2007: Der Judenchrist Felix Propper, Jurist und Pfarrer der evangelischen Kirche, kämpfte für die Rehabilitierung der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. 1951 wurde er von der evangelischen Kirche beauftragt, neben seinem Pfarrdienst in Wien Favoriten den Dienst an Israel wahrzunehmen. Er lehnte die Judenmission ab, weil der damit die Assimilation des Volkes Israel befürchtete. Er ließ sich als Judenchrist mit Kipa und Gebetsschal beerdigen. Propper erkannte „den Kampf gegen die Judenmission als eine unserer (seiner) vordringlichsten Aufgaben.“ 45 Jahre nach seinem Tod erscheint 2007 das Buch „Die Kirche und ihre Juden“ mit gesammelten Aufsätzen aus seiner Feder, herausgegeben von seinen Töchtern G. Lissy und G. Fletzberger. „Leider ist es immer noch nicht selbstverständlich, Judenmission abzulehnen und jüdisches Denken als Teil der christlichen Theologie zu begreifen.“ formuliert der Redakteur im reformierten Kirchenblatt Heft 2/2008. In der Kirchenverfassung der Evangelischen Kirche A.u.H.B. lesen wir in den Anmerkungen: „Unsere Kirche sucht Begegnung und Versöhnung mit den Juden und lehnt daher christliche Judenmission ab.“

2008 - 1938: 70-jährige Wiederkehr des 9. Novembers, der Reichskristallnacht, des Progroms gegen die Juden. Unleugbar war die evangelische Kirche mit hineingenommen in die Eliminierung jüdischer Bevölkerungsteile. „Der Anteil und die Mitschuld von Christen und Kirchen am Leiden und Elend von Juden ist nicht länger zu leugnen.“ verlautbarte die Erklärung der Generalsynode der Evang. Kirche A.u.H.B. in Österreich Nov. 1998. Der synodal beschlossene Verlautbarungstext für das Jahr 2008 wirft zwei Fragen als Bilanz auf: „Zehn Jahre später kann eine erste Bilanz gezogen werden: Welche Anstrengungen braucht es in unseren Kirchen, damit im kirchlichen Leben deutlich wird, dass das Judentum die Wurzel ist, die die Kirche Jesu Christi trägt? Wie können wir sichtbar machen, dass das Christentum in enger Verbindung mit dem Judentum steht, ohne es vereinnahmen zu wollen?“

2008 - 1948: 60. Wiederkehr des Jahrestages der Staatsgründung Israels. In Erinnerung an dunkle Vergangenheitskapitel muss vom Dialog mit dem Judentum der Blick auf Gegenwartsprobleme gelenkt werden: „Vor 60 Jahren wurde der Staat Israel gegründet. Was für die einen sichere Zuflucht brachte, führte für andere zu Vertreibung und Entwurzelung. Der erhoffte Friede für alle Völker in der Region des Nahen Ostens konnte bis heute nicht erreicht werden.“ so im synodalen Text von 2007. 1998 hieß es in der Erklärung der Generalsynode: „Vor 50 Jahren wurde der Staat Israel gegründet. Wir wünschen ihm Gerechtigkeit und Frieden.“

In einem würdigenden Kommentar möchte ich festhalten, dass eine Standortbestimmung in Österreich mehr als ein zarter Friedenswunsch sein, sondern eine explizite Anerkennung des Staates Israel einschließen sollte! Eine Standortbestimmung kann und darf sich nicht allein im Bereich eines religiösen Dialogs, eines kirchlichen Miteinanders bewegen. Friedenssehnsucht und Existenzabsicherung eines jüdischen Volkes vollzieht sich in realpolitischer Gegenwartsproblematik. Wenn der römisch-katholische Erzbischof in Jerusalem, Michel Sabbah, als Vertreter der Christenheit, wohl bemerkt als Vertreter der römisch katholischen Konfession, kurz vor Weihnachten bei einer Pressekonferenz erklärt: „Israel hat kein Recht als ein jüdischer Staat zu existieren!“ dann sind wir bei einer existenziellen Infragestellung eines sich religiös definierenden Volkes angelangt. Das führt bedenklich nah an die Situationen der Vergangenheit heran. Wir hören die Tonlage eines iranischen Präsidenten Ahmadinedschad. An dessen Adresse richtete sich wohl Frankreichs Staatspräsident Sarkozy in einer öffentlichen Rede in Paris Februar dieses Jahres mit den Worten: „Ich schüttle niemandem die Hand, der Israel nicht anerkennt!“

Mit der Proklamation der Existenzberechtigung des Judentums, des jüdischen Glaubens, verbindet sich der Schutz jüdischer Menschen, angesichts einer sich aggressiv gebärdenden Mitwelt, wie sie war und wie sie ist! Und wie sie sein wird? „Eine sichere Zuflucht“ ist der Staat Israel für ein geplagtes Volk beileibe nicht.

Antisemitismus, Antijudaismus, Antizionismus, Antiisraelismus erscheinen als Facetten einer Geisteshaltung mit gemeinsamer Quelle. Eine Standortbestimmung wird über den religionsbezogenen Dialog hinaus geführt werden müssen. In der Standortbestimmungserklärung für 2008 heißt es einzig: „Als Kirchen unterstützen wir besonders unsere christlichen Geschwister in Palästina, die sich seit Jahren als Brückenbauer zwischen den Völkern und Religionen betätigen.“

In den Vereinsstatuten „Christen an der Seite Israels – Österreich“ lese ich in der Präambel: „Die Stiftung hat den Zweck… die Kirche zur Rückbesinnung auf die Wurzel ihres Glaubens im Judentum zu ermutigen, Christen aller Konfessionen wieder hinzuweisen auf die biblischen Verheißungen für das jüdische Volk und den Staat Israel und aufzurufen zu finanziellen Spenden und Hilfe für karitative Zwecke und Arbeit in Israel.“

H. Schlener