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60 Jahre Staat Israel und biblische Verheißungen <<
Einführung
Die Frage, in welcher Beziehung der moderne Staat Israel mit biblischen Verheißungen steht, wird unter bibelgläubigen Christen sehr unterschiedlich beantwortet. Dementsprechend ist auch die Haltung Israel gegenüber sehr mannigfach. Während man den Eindruck hat, dass die einen euphorisch Israel blindlings in allem unterstützen, meinen andere, es sei „rein zufällig“, dass es den Staat Israel heute gibt. Manche berufen sich auf alttestamentliche Verheißungen für Israel, während andere kontern, das Neue Testament „übertrage“ diese Verheißungen auf die Kirche. Sie finden im Neuen Testament keine Verheißung einer zukünftigen Staatsgründung Israels.
Ohne Zweifel ist für Christen eine entscheidende Frage, wie Jesus und seine Apostel alttestamentliche Verheißungen für Israel verstanden haben. Auf diese Frage kann in diesem Rahmen nur sehr begrenzt und exemplarisch eingegangen werden. Im Folgenden möchte ich kurz auf Röm 11 und andere Aussagen im Neuen Testament eingehen (was ich in meinem Buch „Israel und die Gemeinde“ weiter ausgeführt und begründet habe), bevor ich auf die Frage eingehe, in welcher Beziehung der moderne Staat Israel zur biblischen Prophetie steht.
Neues Testament und Verheißungen für Israel
Paulus stellt in Röm 11,1 die Frage, ob Gott Israel (endgültig) verworfen habe, da das Volk den Messias Jesus abgelehnt hat. Damit verbunden wäre für den Apostel offensichtlich, dass Gott seine Verheißungen diesem Volk gegenüber „aufgehoben“ hätte. Die Antwort im gesamten Kapitel ist eindeutig: Gott wird seine Verheißungen an Israel erfüllen, und zwar nicht, weil Israel es verdient hätte, sondern weil Gott zu seinen Verheißungen steht (vgl. z.B. Röm 11,28-29).
In diesem Zusammenhang spricht Paulus in Röm 11,12 von der (zukünftigen) „Fülle“ Israels, die nach Vers 15 offensichtlich seine (erneute) „Annahme“ voraussetzt. Diese „Annahme“ schließt nach Vers 26 die Errettung von „ganz Israel“ mit ein, die erfolgen wird, wenn die „Fülle der Nationen [ins Volk Gottes] hineingekommen sein wird“ (Vers 25). Diese Errettung von „ganz Israel“ sieht Paulus offenbar im engen Zusammenhang mit der Wiederkunft Jesu (vgl. Röm 11,26f.; Sach 12,10). Die „Fülle“ Israels, von der in Röm 11,12 die Rede ist, schließt gemäß alttestamentlichen Verheißungen die Fülle von geistlichen und materiellen Segnungen im Land Israel mit ein (vgl. z.B. Jes 11,1ff.; Jer 32,40ff.; 47,2; Hes 36,24ff.; Sach 8,9ff.). Von diesem Segen werden auch die übrigen Nationen profitieren, wie Paulus in Röm 11,12 – wiederum im Einklang mit vielen alttestamentlichen Verheißungen – bestätigt.
Jesus seinerseits bestätigt, dass Gottes verheißene (sichtbare) „Königsherrschaft“ über Israel durch ihn in Erfüllung geht, aber auch, dass dies noch nicht (im vollen Umfang) mit seinem ersten Kommen geschehen ist (vgl. z.B. Lk 19,11ff.). Diesbezüglich ist an vielen Stellen des Alten Testaments davon die Rede, dass Gott Israel „wiederherstellen“ wird. Dass diese Wiederherstellung die verheißene „Königsherrschaft“ Jahwes bzw. des Erlösers mit einschließt, war auf jeden Fall die Erwartung der Jünger Jesu, wie z.B. Apg 1,6 zeigt. Petrus spricht davon auch in Apg 3,21 mit Bezug auf die Wiederkunft Jesu. Jesus sprach in dieser Hinsicht von der „(nationalen) Wiedergeburt/Wiederherstellung“ Israels (Mt 19,28). Wenn er in seiner „Endzeitrede“ sagt, dass „dieses Volk“ (vgl. Lk 21,23) „durch die Schärfe des Schwertes fallen und gefangen unter alle Nationen weggeführt“ wird und dass Jerusalem „von den Nationen (Heiden) zertreten werden wird, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden“ (Lk 21,24), so bringt er damit gleichzeitig ebenso zum Ausdruck, dass die „Zertretung“ Jerusalems durch die „Heiden“ ein Ende nehmen wird (vgl. Lk 21,28). Somit werden alttestamentliche Verheißungen für Israels zukünftiges Heil durch Jesus und Paulus bestätigt – nicht aufgehoben.
Land und Staat Israel
Das Alte Testament verheißt die endzeitliche Rückkehr Israels aus den Nationen (vgl. z.B. Jer 31,8; Hes 36,24; 39,28; Sach 8,7f.). Das schließt die Wiederherstellung im verheißenen Land mit ein (vgl. z.B. Jer 16,15; 23,8; 24,6; 50,19; Hos 11,11), und zwar unter der Herrschaft Jahwes, der in Israel König sein wird (vgl. z.B. Mi 4,7f.). Israel soll unter seiner Herrschaft ein Segenszentrum für den ganzen Erdkreis werden (vgl. z.B. Jes 2,2-4; 19,24f.; Mi 4,1-3; Sach 14,16). In Bezug auf seinen „Knecht“, den kommenden Erlöser, sagt Gott nach Jes 49,6: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten Israels zurückzubringen (bzw. wiederherzustellen). So habe ich dich [auch] zum Licht der Nationen gemacht, dass mein Heil bis an die Enden der Erde reiche.“
Diese Friedensherrschaft des Messias über Israel setzt voraus, dass das Volk sich der Herrschaft des verheißenen Königs unterordnet. Dieser wird als „Friedefürst“ bezeichnet (Jes 9,5f.; vgl. Mi 5,4), der dem ganzen Land Frieden bringt (vgl. z.B. Jes 32,15-18; 52,7; 54,10.13) und zu dem Israel umkehren wird (Jes 10,21). Aber er wird auch weltweiten Frieden bringen (vgl. z.B. Sach 9,10), weshalb Paulus betont, dass die Fülle Israels „Reichtum der Nationen“ bedeuten wird (Röm 11,12). Dann wird es keinen Streit mehr um das „heilige Land“ geben.
Gemäß Hes 37 wird die „Wiederherstellung“ Israels in zwei Stufen vollzogen werden, bis Israel auch im geistlichen Sinn wiederhergestellt ist. Das wird augenscheinlich geschehen, wenn das Volk den König, „den sie durchbohrt haben“, anerkennen wird (Sach 12,10). Nach Hos 3,5 werden die Söhne Israel „danach umkehren und Jahwe, ihren Gott, und David, ihren König aufsuchen und sich am Ende der Tage bebend zu Jahwe und zu seiner Güte wenden.“
Es geht Gott also nicht um einen einseitigen „Zionismus“. Zion (= Jerusalem) soll wiederhergestellt werden, damit von dort aus Gottes Heil und seine Gerechtigkeit zu allen Völkern gelangt. Alle Völker sollen erkennen, was in 1. Kön 8,23 (= 2. Chron 6,14) betont wird: „Jahwe, Gott Israels! Kein Gott ist dir gleich im Himmel oben und auf der Erde unten, der du den Bund und die Gnade deinen Knechten bewahrst, die mit ihrem ganzen Herzen vor dir leben.“ Andererseits spielt Zion in den Verheißungen für den Weltfrieden eine zentrale Rolle, da Jahwe von dort aus nicht nur über Israel, sondern über alle Nationen herrschen wird.
Ich gehe davon aus, dass Verheißungen wie Sach 2,14-16 mit dem ersten Kommen Jesu nicht (vollständig) in Erfüllung gegangen sind, wenn es heißt: „Juble und freue dich, Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und werde in deiner Mitte wohnen, spricht Jahwe. Und an jenem Tag werden viele Nationen sich Jahwe anschließen. So werden sie mein Volk sein. Und ich werde in deiner Mitte wohnen, und du wirst erkennen, dass Jahwe der Heerscharen mich zu dir gesandt hat. Und Jahwe wird Juda als sein Erbteil im heiligen Land besitzen und wird Jerusalem aufs Neue erwählen.“
Ich bin somit überzeugt, dass Gott angefangen hat, vor unseren Augen seine Verheißungen an Israel zu erfüllen, auch wenn viele Fragen noch offen bleiben, so z.B. in Bezug auf den modernen Staat Israel. Gottes Ziel ist offensichtlich, Israel und allen Völkern Frieden zu bringen. Das geschieht durch Jesus Christus, der als Nachkomme des Königs David Gottes „Thronverheißung“ an David erfüllt (vgl. auch Lk 1,32f.). Die Rückführung der Juden nach Israel und die Wiederherstellung im verheißenen Land dürfen wir als Veranschaulichung des Herrschaftsanspruchs Gottes an alle Völker der Erde betrachten. Diese Rückführung und Wiederherstellung setzt zumindest in einem gewissen Sinn den Staat Israel voraus, der seinerseits für das Volk überlebenswichtig ist. Wir dürfen gespannt sein, wie der „Gott Israels“ (ein häufiger Ausdruck im Alten Testament; vgl. zudem Mt 15,31; Lk 1,68) seine Verheißungen auch in Zukunft erfüllen und sein Ziel erreichen wird.
Prof. Dr. Theol. Jacob Thiessen (Rektor der STH Basel)